Mikel
Bauer :
Bittersüße Fühlgedichte. Ich höre sie rufen, all
die Postmodernen, brüllen und die Nasen rümpfen, prusten. Sie werden das Buch
niemals lesen. Ist auch besser so: Für uns. Sind wir sie los, für den
Augenblick (ich mag sie ja nicht auf Dauer missen) und können uns dem Büchlein
zu wenden. Also noch einmal zum mitschreiben: „Bittersüße Fühlgedichte“ von
Monika Wegscheider, erschienen im Novum-Verlag 2004.
Ein gerüttelt Schock Gedanken, Gefühle, Ängste und kraftstrotzender
Sanfterotik. Vielleicht ein oder fünfzehn Gedichte
zu viel, aber das liegt am Auge des Lesers, der nicht aufhört zu lesen und
weiterblättert, Seite um Seite. Man merkt es: Da
schreibt eine Frau in ihren besten Jahren ohne Scheu, aber mit Zurückhaltung,
ängstlich ihren Lebensübermut hütend und doch wieder freilaufen lassend. Sie
schreibt mit sicherem Gespür für den Rhythmus der Standardsprache, wie auch
für ihren geliebten heimatliche Subsprache, mit dezenten Bildern, die zwar
öfter wiederkehren, aber doch zu immer neuen Patchworks variieren. Was den
geneigten Leser am meisten freut: Wegscheider schreibt in ihrer Heimat, über
ihre Heimat, die Innen und die Außen, über diese Heimaten in ihrem
heimatlichen Dialekt ohne den Begriff zu massakrieren, volkslümmelnd zu
touristieren. Sie ist in sich daheim, mit all dem
Unwägbaren und so oft Unsagbarem. Aus diesem Heim verliert sie genau
so viele Worte wie nötig sind um all diese Heimaten
zu erfühlen, ohne eine Heimatdichterin zu sein, nein, sie ist Monika
Wegscheider und, mindestens im Standarddialekt, verstünde man das selbst in
Merseburg oder Berlin, ja natürlich Wien nicht zu
vergessen und Luzern. Das ist keine große Lyrik im Mainstream der Bachmanns
und Kunzes, dafür ist alles zu lebensbejahend,
erdverbunden. Es ist sanft schwingende Poesie im leichten Rhythmus des Blutes,
das an die Halskuhle klopft. Nicht mehr und nicht
weniger. Wann konnte man das von einem Lyrikband zuletzt sagen? Ihr könnt Euch
wieder umdrehen, ihr Postmodernen und zuhören, wenn sie liest. Monika
Wegscheider, auf dem Berg, nicht von ihm herab, gewiss
nicht. Was schreib ich eigentlich so viel? Es hat Freude gemacht das Büchlein
zu lesen, wird es wieder. Bittersüße Fühlgedichte. Monika Wegscheider, nicht
vergessen.
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