Rezension:
Monika
Wegscheider
„Bittersüße Fühlgedichte"
Novum Verlag, Wien,
München 2004
Monika Wegscheider, geboren 1955, legt mit „Bittersüße
Fühlgedichte"
ihren Debütband vor. Das Buch ist in fünf
Abschnitte unterteilt:
Liebe/Heiter/Haiku/Gedanken/Mundart.
Im ersten Teil wird die Erfahrung der Liebe in zarten Bildern
sinnlich
beschrieben. Eros und Erotik, das „Du" in den Räumen
und Zwischenräumen
wird mit der Hand, dem Mund, allen Sinnen
erfahren, beschrieben in zarten Wortnetzen:
„So leicht und
weich / wie eine Feder" beschreibt Wegscheider
das Verlangen,
die Sehnsucht: „wie damals / als wir die Zärtlichkeit erfanden /
Wir legten uns in sie / als wären wir / aus einem Guss."
Die
Sprache ist es weitgehend, aus einem Guss, einer Form, lässt
einen eigenen
Stil erkennen, der Zeilenbruch nicht
willkürlich, die Sprache klar, nicht hermetisch,
Inhalt und
Struktur, eingängig, leicht, gekonnt
wird der lyrische Faden
gesponnen, das Netz um den Leser gelegt.
Das Reich des
Empfindens: „es hebt sich und senkt sich / im Rhythmus der Lust
/
wie Brüste / und Leiber"
Und: „Du machst mich duftend".
Jedoch wird auch hier bereits über den erotischen Augenblick
gefühlt und gedacht:
„Dein Lächeln / ich wollte es fangen /
spannte Netze / ins Nichts"
Bereits im ersten Teil wird
deutlich, dass es nicht bei der „Liebe" bleiben wird.
Schon
steigen erste Wolken auf und es wird gefragt:
„was sein wird
/ wenn die Lüste / den Süden erreichen"
Wegscheider spielt
mit den erotischen Stimmungen, führt langsam hinüber
„aus den
Wimpern / in die Krähenspur / der Nächte"
Hier schreibt eine
Lyrikerin, die einiges Gefühl, einige Erfahrung in ihrem Herzen
angesammelt hat. Das wird in jeder Zeile deutlich.
Hier
„buchstabieren wir sinnlich / wort für wort"
„Und meine Fantasie / setzt an zum Ritt"
Der erste Teil
„Liebe" atmet wunderbar tief sinnlich durch, ist leicht und
prickelnd
zärtlich „mit Schwielenhänden / die groben
Faltenwürfe"
beschrieben. Es erscheint erstaunlich gekonnt,
was uns hier begegnet:
„Das Auf und Ab des Fühlens"
während wir schon „am Krückstock der Zeit" sterben,
„fühlen
nagend die Zeit / längsseits unserer Kiemen".
Schon kommt die
„Angst" ins Spiel, nennt sich „Schwarzer Vogel" ,
der an
Ludwig Hirsch erinnert, der hier zum „Vögelchen" wird..
„Und
wieder floh die Nacht / mir viel zu früh"
Es ist Lyrik, die
in sanften Worten zu den bekannten Ergebnissen kommt,
die
nicht nur in Wien die Runde machen.
(„Ich liege auf dem Rücken und schaue mit zugemachten Augen
in die Finsternis")
Wegscheider führt uns sensibel und
vorsichtig in diese Zone, beschreibt ihre
eigene Unsicherheit, wenn sie spürt, dass die Lust enden
wird, die Nacht kommen wird,
die nicht mehr gefühlt werden
kann. Sie weiß, dass die Erotik nicht die Lösung,
nicht die
Erklärung der menschlichen Frage sein wird.
„So viele Sommer schon" „singt er von Abschied".
Die
alten Themen der Lyrik von Liebe und Vergänglichkeit werden hier
gekonnt
verarbeitet, nicht nur verwendet, wirklich gefühlt und
glaubhaft
erneuert. Dass sich die Themen nicht ändern, können
wir der Autorin nicht vorwerfen.
Dass sie die Themen frisch
und stilsicher und glaubhaft lebendig
beschreibt, dafür
müssen wir sie loben.
Im zweiten Teil „Heiter" treibt sie den Spaß voran, der hier
zwischen
Liebe und Vergänglichkeit durchaus absurd erscheint
und damit nicht unpassend.
(Wenn nun Dialekt ins Spiel kommt, muss ich als Schwabe
passen.)
Im Teil „Haiku" in den vier Jahreszeiten
weht ein „warmer Todeshauch" zittert das Spinnenetz spürbar:
„Herbstsonnengetränkt / bunter Baumschmuck zittert leis` / nahen
Tod ahnend"
Die Autorin hat ein großes Gespür für diese Form.
Das ist
einfach gekonnt. Ihre leichte Lyriksprache bündelt sich hier
zwanglos
und scheinbar ohne Anstrengung zu:
„Zartlila
Düfte / Seelennahrung nach Kälte / Fliederblütenmeer"
Hier
bewegt sich die Autorin über eine sehr schwierige Form der Lyrik
scheinbar
schwerelos und leicht. Hier wird auf vier Seiten
die ganze Meisterschaft der Autorin deutlich:
„Eisblumengarten / mein Atem lässt ihn welken / warmer
Todeshauch"
Das ist einfach gekonnt. Hier schreibt keine
Eintagsfliege.
Hier hat eine Autorin die Sprache und den
Gedanken und die Form gefunden.
Im Teil „Gedanken" : „Es
finstert schon"
„im Tal der tausend leeren Schritte" – kommen
wir dem Ende nahe.
Auch hier bleibt die Form und der
Sprachstil erhalten,
auch wenn „meine Seele furchtsam
schweigt".
Auch hier bleibt es glaubhaft, spricht uns ein
Mensch, fühlt uns eine Frau
ihre Gefühle, die in
„schweißdurchtränkt" nur noch
„die gunst des sensenmannes..."
begehrt -
in „Aus-gelebt" „meine Brüste leer gestillt / meine Lippen
stumm geküsst /
und die Häute wund gestreichelt" …
Fazit:
Monika Wegscheider hat einen beachtlichen, sprachlich
ausgefeilten Erstling,
eine „reife Leistung" geliefert. Hier
spricht die Erfahrung und das Gefühl vieler Gefühle und
Erfahrungen. Hier spricht eine Frau von ihrem Sein, ein Mensch
von
seinen Sehnsüchten und Ängsten. Hier wird gefühlt, bitter
und süß,
werden wir eingesponnen in Erlebtes zwischen Lust
und Sehnsucht,
Sein und Vergänglichkeit. Hier wird nicht mit
Gefühlen gemogelt, wird ehrlich
„mit Worten gemalt". Hier
schreibt eine Frau, leichte, sprachlich gekonnte
Gedichte,
eine Frau, die von den Härten des Daseins weiß, schreibt
spinnennetzfeine
Gebilde, entfacht einen „Reigen der Poesie",
reif und sprachlich stilsicher.
Hier wollen wir hoffen, dass
es nicht bei diesem Erstling bleibt.
Hier hoffen wir, dass
der „Sensenmann" noch etwas wartet und es weiter geht,
weiter
mit den sprachlichen Spinnennetzen, vielleicht mit den Ängsten
und Sehnsüchten,
jedenfalls weiter. Das wollen wir uns
und
der Autorin wünschen.
Rezension: Norbert Sternmt
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